Nonlineare Erzählstrukturen

Typografisch-mediale Inszenierungen

Ansicht des Entwurfes "Der Heizer Simultan erzählt"

Ansicht des Entwurfes „Der Heizer Simultan erzählt“

In der Gebärdensprache ist es möglich ausschließliche visuell und ohne die Benutzung von Wörtern eine Geschichte zu erzählen. Die daraus entstehenden Unterschiede in der Erzählstruktur zur Lautsprache können allerdings auf einen Text übertragen werden. So kann man alternative Wahrnehmungen der Erzählung erzeugen.

Meine Tante ist gehörlos und das bereits ihr ganzes Leben. Die Frage, wie man ohne den Klang von Wörtern im Kopf überhaupt etwas erzählen kann, brachte mich zu der Auseinandersetzung mit der Gebärdensprache. Es handelt sich dabei um eine rein visuelle Sprache, die multidimensional funktioniert. Während man in der Lautsprache in erster Linie auf die akustische Informationsvermittlung setzt, spielen bei der Gebärdensprache verschiedene Ausdrucksformen wie z.B. Mimik, Mundbild, Gestik, Handform und -stellung, Geschwindigkeit sowie die Körperhaltung eine wichtige Rolle. Dabei sind Nuancen und Timing sehr entscheidend, damit der Empfänger die Intention der gesendeten Botschaft versteht.
Ferner wird der dreidimensionale Raum im Gegensatz zur Lautsprache sehr intensiv genutzt, um Relationen und Beziehungen zu zeigen oder in die Rolle der Protagonisten zu schlüpfen und diese sowie ihre Handlungen zu beschreiben. Wer in der Gebärdensprache ungeübt ist kann diese, wenn überhaupt, nur sehr schwer entziffern. All diese feinen Unterschiede und Details auf allen Ebenen dieser Kommunikation kann meine Tante wahrnehmen, wenn man sich mit ihr in der Gebärdensprache unterhält.

Ansicht des Entwurfes "Der Heizer In Beziehungen erzählt"

Ansicht des Entwurfes „Der Heizer In Beziehungen erzählt“

Inspirationen aus der Gebärdensprache

Im Rahmen meiner Zusammenarbeit mit dem Kompetenzzentrum für Gebärdensprache und Gestik der RWTH Aachen hat sich der Eindruck bestätigt, dass sich die Erzählstruktur Gehörloser signifikant zur jener in der Lautsprache unterscheidet. Informationen werden simultan kommunizierbar und räumlich zueinander in Beziehung gesetzt. Diese Strukturierung auf »Satzebene« überträgt sich auf die gesamte Struktur der Erzählung. Man kann eine und dieselbe Geschichte auf diesem Weg alternativ zur geschriebenen Version erzählen oder wahrnehmen. Diese außergewöhnlichen Charakteristika der Gebärdensprache boten die Inspiration für die Ausgangsfrage meiner Arbeit: Welche neuen Möglichkeiten der Informationsvermittlung und -wahrnehmung ergeben sich, wenn man einen bekannten Text entlang der Merkmale der Gebärdensprache neustrukturiert? Aufgrund der Komplexität der Gebärdensprache entschied ich mich, einen Text mit verschiedenen Ansätzen, die jeweils einen Aspekt fokussieren zu übersetzen. Die Wahl des Textes fiel auf die Geschichte »Der Heizer« von Franz Kafka, da diese frei verfügbar ist, eine gewisse Erzähltiefe vorweist und mit rund 10.000 Wörtern dennoch einen nicht zu großen, aber für meine Arbeit angemessenen Umfang aufweist.Es sind insgesamt fünf Entwürfe entstanden, die sich miteinander vergleichen lassen im Hinblick auf die Wahrnehmung der Geschichte.

Repro-Ansicht des Entwurfes "Der Heizer In Beziehungen erzählt"

Repro-Ansicht des Entwurfes „Der Heizer In Beziehungen erzählt“

»Der Heizer simultan erzählt«

Der Entwurf »Der Heizer simultan erzählt« stellt einen Versuch dar, simultane Geschehnisse oder Gedanken auf gleicher Ebene abzubilden und die Gleichzeitigkeit sichtbar zu machen. In der Variante »Der Heizer räumlich erzählt« wird der in der Literatur dargestellte Raum in den Textraum des Buches übertragen. So entstanden neue Beziehungen und Verknüpfungen, die sich durch die gesamte Geschichte ziehen. Der dritte Entwurf «Der Heizer in Beziehungen erzählt« legt besonderen Wert auf die Beziehungen von Personen und Gegenständen und strukturiert den Text entsprechend. Auf einen Blick ist somit zu erkennen, ob es sich bei den Textabschnitten um einen Gegenstand oder eine Person handelt.

Alexander Bönninger – Der Heizer räumlich erzählt

Alexander Bönninger – Der Heizer räumlich erzählt

Repro-Ansicht des Entwurfes »Der Heizer räumlich erzählt«

Repro-Ansicht des Entwurfes »Der Heizer räumlich erzählt«

Digitale Umsetzungen

Im Analogen sind die Grenzen, eine Geschichte nonlinear zu erzählen schnell erreicht. Durch die Anwendung von Webtechnologien eröffnet sich jedoch einen weiterer Spielraum. In der digitalen Variante »Der Heizer nonlinear erzählt« müssen die Leser_innen sich durch das Klicken oder Tappen von Links durch die Geschichte bewegen. Im ersten Moment scheint der Entwurf an ein Spielbuch zu erinnern, bei dem man vorgegebene Verläufe der Geschichte aussuchen kann. Das ist hier nicht der Fall. Man hat die Wahl, sich verschiedene Details anzeigen zu lassen und zu lesen oder weniger interessierende zu überspringen. Der Plot bleibt immer nachvollziehbar, kann allerdings unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert werden. Will man jedoch den Überblick behalten, strukturiert »Der Heizer In Kategorien erzählt« die Geschichte in Themen, Protagonisten, Geschehnisse und Stimmungen. Durch Klicken auf vorgegebene Quadrate wird der jeweilige Textabschnitt sichtbar. Wenn Textabschnitte nur im Zusammenhang mit anderen Textabschnitten einen Sinn ergeben, sind diese miteinander verkettet.

Screen des Entwurfes »Der Heizer In Kategorien erzählt«

Screen des Entwurfes »Der Heizer In Kategorien erzählt«

Screen des Entwurfes »Der Heizer Nonlinear erzählt«

Screen des Entwurfes »Der Heizer Nonlinear erzählt«

In Summe zeigen die verschiedenen Entwürfe, welche neuen Wahrnehmungsperspektiven die Übertragung von Strukturen aus fachfremden Gebieten erzeugen und damit einen Zugewinn für die Rezeption einer Geschichte schaffen kann. Die Strukturen und Eigenarten der Gebärdensprache bilden einen spannenden Bezugspunkt für die Typografie und die mediale Inszenierung. Dies lässt sich problemlos auch auf andere Texte übertragen, wie die weitere Auseinandersetzung mit dieser Gestaltungsform in Bezug auf andere Textsorten gezeigt hat.

Insgesamt besteht die Arbeit aus 3 Büchern und 2 Webseiten, welche die gleiche Geschichte erzählen. Zu dem wurden die Textstrukturen auf andere Textsorten übertragen und in einer Rauminstallation gezeigt.

Ausstellung im Sanaa mit Textstrukturen in verschiedenen Textsorten

Ausstellung im Sanaa mit Textstrukturen in verschiedenen Textsorten

Analoger Teil der Bachelorarbeit

Analoger Teil der Bachelorarbeit

Ein Beitrag von
Alexander Bönninger
vom 25.Januar 2018

Alexander Bönninger studierte Kommunikationsdesign an der Folkwang Universität der Künste. Die Auseinandersetzung mit nonlinearen Erzählstrukturen fand im Rahmen seiner Abschlussarbeit statt.

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